Alte Kleider machen Leute

In Deutschland gespendet, in Afrika verkauft: Wie aus einem Haufen Klamotten ein Vermögen wird

Von Judith Reker, Nairobi/Mombasa (Quelle: www.tagesspiegel.de)

Das Bekleidungsparadies liegt in einer namenlosen Straße hinter dem Bahnhof von Mombasa, in einem cremefarbenen Lagerhaus, wie es viele gibt in dieser Gegend. Die Hitze drückt ruhende Arbeiter an eine schattige Mauer. Über ihren Köpfen hängt ein Schild, auf dem steht „Mitumba Paradise“. Drinnen lagert der Kenianer Rajnikant Shah seine Ware: zu Ballen gepresste Altkleider. Shah, ein Mann mit Schnauzbart und Hüftspeck, war mal Kaugummifabrikant. Vor vier Jahren ist er umgestiegen, seither handelt er mit getragenen Kleidern, es lohnt sich. Die Ballen – auf Kisuaheli „mitumba“ – sind in ganz Ostafrika zum Begriff für preisgünstige Secondhandkleidung geworden.

Der Weg der Ballen um die Welt ist ein Paradebeispiel der Globalisierung, mit allem, was dazu gehört: Umsätze in Millionenhöhe und Tausende von Beschäftigten. Die Kleider kommen aus Montreal, Melbourne oder Berlin – überallher, wo Menschen es sich leisten können, hochwertige Stücke fortzugeben. Viele Menschen haben Skrupel, sie einfach auf den Müll zu werfen. Dann landen die Blusen, Hosen und Mäntel in den Altkleidertonnen einer Hilfsorganisation. Für einen guten Zweck, denken die Spender. Für Arme, die sie dringender brauchen. Kaum jemand allerdings, der seine Altkleider, manchmal sogar gewaschen und gebügelt, in einen Sammelbehälter wirft, ahnt, dass dies der Beginn eines weltumspannenden Geschäfts ist: Von den 150 000 Tonnen, die Deutschland jährlich in Richtung Afrika verlassen, kommen nur wenige Prozent als Spende an.

Der Grund: Der Vertrieb von Altkleidern ist aufwendig und teuer – er würde das Budget überreizen. Aber die Altkleiderberge sind nun mal da. Karitative Organisationen wie das Deutsche Rote Kreuz in Berlin arbeiten daher eng mit gewerblichen Firmen zusammen, etwa Recyclingunternehmen, die für sie die Sammelcontainer aufstellen und instand halten – ohne allerdings darauf aufmerksam zu machen, dass der Betreiber nicht die karitative Organisation ist. Auf dem Container steht nach wie vor das Logo der Hilfsorganisation.

Kritiker halten das für fragwürdig, Hilfsorganisationen rechtfertigen das so: „Wir bekommen pro Jahr rund 4000 Tonnen Kleidung gespendet. Aber nur etwa jedes zehnte Kleidungsstück ist noch tragbar“, sagt Franco Günther vom DRK in Berlin. „Von diesem Zehntel geben wir, grob geschätzt, ein Zehntel an Bedürftige in der Stadt weiter“ – für mehr gebe es keinen Bedarf. Den großen Rest überlässt das DRK dem Dienstleister. Der zahlt pro Kilo Altkleider, die teilweise weiterverarbeitet werden, einen vertraglich vereinbarten Preis, von dem er seine Kosten – Transport, Container und dergleichen – abrechnet. Dem DRK Berlin bleiben laut Günther pro Kilo ein paar Cent, die zum Beispiel in die Jugendarbeit fließen.

Andere Karitative sammeln zwar auf eigene Faust, verkaufen den Inhalt ihrer Behälter aber ebenfalls an Altkleiderhändler. „Kein einziger Karitativer kümmert sich um den ganzen Weg der Altkleider bis Afrika“, sagt Michael Sigloch vom Fachverband Textil-Recycling.

Mit den gewerblichen Händlern beginnt eine lange Wertschöpfungskette. Vom Container geht es in die Sortierstation. Dort trennen Arbeiter nach Qualität, Material, Sorte und pressen die Kleider zu Ballen von rund 50 Kilogramm. Immer seltener geschieht das in Deutschland, immer häufiger in Billiglohnländern wie Polen. In weiteren Stationen wird noch einmal getrennt: Die beste Ware geht in die westlichen Metropolen und dort in angesagte Secondhandläden, die schlechteste Ware nach Afrika. In Containern reisen die Kleider schließlich über die Ozeane – und an jedem Transport, jeder Sortierstation, jeder Grenze verdient jemand an ihnen und erhöht damit den Marktpreis.

Wenn ein solcher Container zum Beispiel in Mombasa, dem größten Hafen Ostafrikas, anlandet, ist aus einem Haufen verschenkter Kleider schon ein Vermögen geworden, an dem auch der kenianische Staat verdient. Auf einen 19-Tonnen-Container im Wert von 13 000 Euro schlägt er 9000 Euro an Importgebühren.

Herrn Shahs Blick hinter der Goldrandbrille verfinstert sich, wenn er über die hohen Zölle spricht. Trotzdem, er kann nicht klagen. „Mitumba ist ein gutes Geschäft“, sagt er, „weil es das Geschäft des armen Mannes ist.“ Und Arme gibt es in Kenia genug. Mehr als die Hälfte der Kenianer muss mit weniger als einem Dollar am Tag auskommen.

Von Mombasa aus werden die Kleider weitertransportiert, von Großhändlern an Zwischenhändler an Einzelhändler. Großhändler Shah verkauft seine Ballen nach Nairobi, ins Herz des Mitumbahandels. Dort pulst der größte Altkleidermarkt in ganz Ostafrika, der Gikomba- Markt, ein Labyrinth aus Holzständen, das auf einer Seite an einen Lebensmittelmarkt grenzt, auf der anderen Seite an den trägen Nairobi River. Gerüche von altem Fisch und faulenden Tomaten wehen durch die Gassen.

Ruth Gachagwa, 40, ist eine von hunderten Zwischenhändlerinnen hier. Sie kauft Herrenjacken von einem Großhändler im Gikomba-Markt, der sich wiederum bei einem Großhändler in Mombasa eingedeckt hat. Frau Gachagwa verhandelt leise über zwei Ballen, dann greift sie in ihre Bluse, zieht einen Kniestrumpf aus dem BH und aus dem Strumpf ein pralles Bündel Scheine. 16 000 Schilling, etwa 180 Euro, zählt sie ab, ohne ihr rundes Gesicht zu verziehen. Später wird sie grinsend sagen: „Das war ein gutes Geschäft.“

Gachagwa zahlt zwei Trägern je 20 Cent und schlendert hinter ihnen her durch das Labyrinth des Marktes. Durch alle Gassen gleiten Träger mit gebeugtem Genick. „Ksskss“, zischen sie, um sich Platz zu verschaffen. Sie laufen vorbei an Ständen, wo zwischen offenen Kleiderhaufen barfüßige Verkäufer sitzen und Tee aus Blechtassen schlürfen. Sie laufen durch das Viertel für Blusen aus Baumwolle, das Viertel für Blusen aus Seide, das Viertel für Synthetikblusen. Im Schneiderinnenquartier nehmen Männer und Frauen kaputte Kleidungsstücke auseinander und fügen sie neu zusammen. Jeder Kragen, jede Hosentasche ist wertvoll.

An ihrem Stand rafft Frau Gachagwa ihren löchrigen Wickelrock und steigt auf ein Podest. Von oben betrachtet sie mit ernster Miene, wie sich ein halbes Dutzend Männer – weitere Zwischenhändler und Einzelhändler – auf die Ballen stürzen. Einige schleppen ihre Beute zu Sospeter Ochieng, der auf dem Markt von montags bis samstags bügelt, von sechs Uhr morgens an. Herrn Ochiengs Arbeitsplatz schwebt hoch über dem schlammigen Fluss am äußersten Rand des Marktes. Kohle, die das Eisen heizt, liegt herum. Fünf Cent verdient er an einem Kleid.

Die Zwischenhändler tragen ihre Ware weiter zum eigenen Stand. Aber die meisten Einzelhändler verlassen den Gikomba-Markt mit ihren Käufen, fahren mit Bussen in alle Winkel des Landes – oder auch nur ein paar Straßen weiter. Vincent Waraga zum Beispiel betreibt einen Laden in Nairobis Innenstadt. Seit zehn Jahren gräbt er nach Edelmarken – Prada, Burberry, Louis Vuitton. Man sieht ihm an, dass sich das Geschäft lohnt. Er stopft seine Funde in eine große, feine Ledertasche, wirft sie über die Schulter und wippt in Lederslippern von Tod's davon. Neu kosten Tasche und Schuhe leicht Hunderte Euro.

Der globale Altkleiderhandel hat nicht nur Freunde. Kritiker wie Friedel Hütz-Adams, Handelsexperte des Südwind-Instituts in Siegburg, das zu einer ethisch korrekten Weltwirtschaft forscht, verurteilen vor allem den karitativen Deckmantel dieses Geschäfts. Die Spender könnten – und sollten – nicht durchschauen, was mit ihren Kleidern passiere. „Die Billigpreise der Altkleider sind erschlichen mit dem Nichtwissen der Spender“, sagt Hütz-Adams. Durch die Vermarktung zu unfair niedrigen Preisen werde außerdem „die lokale Textil- und Bekleidungsproduktion in vielen afrikanischen Importländern geschädigt“.

Und es stimmt, in Kenia sind Fabriken geschlossen worden, seit das Land Anfang der 90er seinen Markt für Importe öffnete. Allein in den letzten eineinhalb Jahren verloren mehr als 6000 Textilarbeiter ihre Jobs. Doch diese Betriebe produzierten ausschließlich für den Export. Um alle Kenianer zu versorgen, war die Textilindustrie nie groß und billig genug.

Das sei kein Argument, wenden kritische Ökonomen ein, denn der Altkleiderhandel habe verhindert, dass sie je wachsen konnte.

„Die Textilindustrie ist zusammengebrochen“, sagt William Akech. Er sitzt in seinem Büro in Nairobi. Er trägt einen in Kenia geschneiderten Maßanzug, europäischer Schnitt, dezentes Braun. Akech ist vom Arbeiter in einer Baumwollspinnerei zum Chef der kenianischen Schneider- und Textilarbeitergewerkschaft aufgestiegen. „Die Textilindustrie ist zusammengebrochen“, wiederholt er – „aber nicht wegen der Secondhandkleider, sondern wegen Korruption und Missmanagements“. Was ihn am Altkleiderhandel stört, ist, dass Tausende, die davon leben, ohne Rechte und Sicherheit sind.

Der frühe Morgen auf einem kleinen Markt in Thika, eine Stunde nördlich von Nairobi. Jeremiah Mulwa, Tagelöhner, 28, ist der erste Kunde. Die Verkäuferin hat noch nicht einmal den ganzen Ballen vom Gikomba-Markt ausgepackt. Herrn Mulwa gefällt ein Leinenhemd. Er zahlt 20 Cent und behält es gleich an.