Anmerkungen zur Afrikanischen Kultur

Unter Kultur verstehen wir hier die ungeschriebenen Werte, die die Verhaltensmuster in einem Volk bestimmen. Dasselbe Verhalten kann in verschiedenen Ländern unterschiedliche Bedeutung haben. Zum Beispiel: In Deutschland gehört es zur guten Sitte, den Teller leerzuessen. Es ist ein Zeichen, dass es einem gut geschmeckt hat. In England hingegen bedeutet das gleiche Verhalten, dass das Essen zu knapp bemessen war. Man lässt deshalb gerne einen Rest auf dem Teller liegen, um zu zeigen, dass man mehr als genug hatte.

Schwarz ist eine besondere Farbe

Wenn wir von Afrika sprechen, sprechen wir meist vom Schwarzen Kontinent. Schwarz ist ja eine besondere Farbe, mit der wir eigentlich immer nur Negatives verbinden:

Afrika der Katastrophenkontinent

Einige Fakten:

Aber es gibt auch deutliche Zeichen der Hoffnung in Afrika, die unter dem Stichwort "Afrikanische Renaissance" zusammengefasst werden können. Diese Anzeichen von Wiedergeburt erleben wir zur Zeit hautnah hier in Kenya, wo das korrupte Regime von Arap Moi nach 24 Jahren durch friedliche und demokratische Wahlen abgelöst wurde. Wenn in Kürze die neue Verfassung in Kraft treten wird, dann wird Kenya eine der modernsten und demokratischsten Verfassungen der Welt haben. Das ist ein Grund zur Hoffnung, was man schon jetzt in der Bevölkerung spüren kann.

Wiege der Menschheit

Vergessen wir nicht, daß Afrika, der zweitgrößte Kontinent der Welt, die Wiege der Menschheit ist. Gar nicht weit von hier auf der Rusinga Insel im Viktoriasee hat man 1931die ältesten Funde menschlichen Lebens [Proconsul] gefunden, in einer Erdschicht, die etwa 24 Mio Jahre alt ist. Ähnliche Funde hat man auch im Olduvai Tal in Tanzania gemacht.

Ein Paradox der Geschichte ist aber, daß Afrika einerseits der Kontinent ist, wo menschliches Leben zuerst entstand, andererseits ist es der Kontinent mit der niedrigsten Lebenserwartung, was kein Wunder ist, wenn man bedenkt, daß Afrika 4 x soviel an Zinsen für erhaltene Darlehen zahlt, als es für die Gesundheit seiner Menschen aufbringt.. Ali Mazrui, ein kenianischer Soziologe: "Africa was the first habitat of man, but the last to become habitable".

2000 Sprachen in Afrika

Der beste Zugang, um ein Volk, eine Kultur, zu verstehen, ist von der Sprache her, denn die Sprache ist ja nicht nur ein Kommunikationsmittel, sondern sie verrät uns etwas vom Denken der Menschen.

Beispiel: In Sambia in der Sprache Cibemba ist ein häufiger Gruß "Mwalileni" d.h. "hast du heute schon etwas gegessen?" Die Antwort ist immer: "Tafimonika" d.h. "ich habe heute noch nichts gesehen" selbst wenn das nicht der Tatsache entspricht. Diese Begrüßung sagt aber sehr viel über die Essgewohnheiten der Leute in Sambia.

In Afrika gibt es etwa 2000 Sprachen: Swaheli, Yoruba, Shona, Bambara, Cibemba, Afrikans, um nur einige zu nennen. Das sind keine Dialekte, sondern selbständige Sprachen, die die Denkweise und das Weltbild der Menschen oft in Legenden und Sprichwörtern reflektieren.

Afrika ist der Kontinent mit den meisten Sprachen. Nigeria ist widerum das Land mit den meisten Sprachen: 520. Kamerun: 250. Hier in Kenya, wo Swaheli die Nationalsprache und Englisch die offizielle Sprache ist, gibt es zwei große Sprachgruppen:

Bantusprachen: Swaheli, Kikuyu, Akamba, u.a.
Nilotische Sprachen: Maasai, Turkana, Luo, u.a.
Jede dieser Sprachen hat auch ihre eigenen kulturellen Werte.

Es gibt praktisch kein Land in Afrika, in dem nur eine Sprache gesprochen wird. Während Namibia zum Beispiel das Englische - von einer verschwindend kleinen Minderheit gesprochen und beherrscht - zur Nationalsprache erhob, und damit dem alten Modell des sprachlich einheitlichen Nationalstaats huldigte, obwohl die große Mehrheit der Bevölkerung etwa ein Dutzend einheimischer Sprachen plus Afrikaans und Deutsch spricht, hat Südafrika das modernere Modell eines multikulturellen und vielsprachigen Staates akzeptiert. Auch wenn das Englische de facto oft lingua franca ist, sind alle elf einheimischen Sprachen gleichberechtigt, und sogar die sogenannten "heritage languages", Sprachen größerer Einwanderungsgruppen und kulturell bedeutsame Sprachen wie hebräisch und arabisch, portugiesisch und deutsch unter dem besonderen Schutz des neuen Grundgesetzes.

Muttersprache

Nun sprechen wir ja nicht umsonst von der Muttersprache. Warum wohl? Weil in allen Gesellschaften die Mütter die Treuhänder der einheimischen Sprachen sind. Von Generation zu Generation reichen die Mütter die Muttersprache weiter. Das bringt mich zu meinem nächsten Thema.

Die Rolle der Frau in Afrika

In den meisten Kulturen südlich der Sahara wird den Frauen eine dreifache Rolle als Hüterin zugeschrieben: als Hüterin von Feuer, Wasser und Erde.

Welche Aufgabe haben die Männer?

Sie sind für die größeren Haustiere wie Kühe und Kamele zuständig. Die Männer fällen die Bäume, gehen auf die Jagd, arbeiten als Tagelöhner in der Stadt oder im Bergwerk.

In den Städten hat sich natürlich die traditionelle Arbeitsverteilung verändert. Hier sind die Frauen oft selbstbewusster und halten sich weniger an die traditionellen Vorschriften. Deshalb wollen viele Männer auch lieber eine Frau vom Dorf heiraten...

Afrikanische Religiosität

Der kenianische Religionsphilosoph Mbiti: Afrikaner sind notorisch religiös. Neuesten Schätzungen zu Folge:

Diese traditionelle Religionen werden auch Stammesreligionen genannt, weil sie eng mit den Sitten und Gebräuchen der verschiedenen Stämme zusammenhängen. Diese Religionen sind fest verwurzelt in Sprache und Brauchtum des Stammes. Wenn Afrikaner zum Christentum konvertieren, dann ist es oft der Fall, dass sie in Krisensituationen den alten Gebräuchen der traditionellen Religion folgen. Es gibt in der Regel keine Begründer der afrikanischen Religionen. Sie entwickelten sich über Jahrhunderte, vor allem durch die Beobachtung der Natur und des alltäglichen Lebens.

Diese Religionen haben auch keine heiligen Schriften wie die Bibel oder den Koran. Die traditionellen Religionen sind ins Leben der Menschen einge-schrieben. Afrikaner leben ihre Religion in allen Lebenslagen: auf Reisen, beim bebauen der Felder, beim Jagen oder Fischen, bei der Partnersuche und vor allem im Krankheitsfall. Alles hat für ihn eine religiöse Bedeutung, auch wenn man z.B. akzeptiert, dass ein Kind an Malaria stirbt.

Afrikanische Christen leben oft in einem Dilemma, das sich darin manifestiert, dass sie in bestimmten Lebenssituationen Zuflucht und Hilfe in den traditionellen religiösen Bräuchen suchen, die ja Teil ihres kulturellen Erbes sind.

Beispiel: In Nigeria wird ein christlicher Businessmann, der zu den Yoruba gehört, sein neues Autos zunächst auf traditionelle Weise versichern. Er wird Ogun, dem Gott des Eisens, ein Opfer darbringen, um sein neues Auto unter dessen Schutz zu stellen. Dann bringt er das Auto zu seiner Kirche, wo er es auch vom Priester segnen lässt. Missionare haben darin in der Vergangenheit meist einen Mangel an Glauben gesehen. Ähnlich hat man früher die Ahnenverehrung, die das Herzstück der afrikanischen traditionellen Religionen ist, als Aberglaube verurteilt. Heute bemüht man sich, wesentliche Elemente der Ahnenverehrung in Ländern wie Burkina Faso oder im Kongo, in den christlichen Glauben zu integrieren. Man spricht in diesem Zusammenhang von Inkulturation, d.h. man versucht, den christlichen Glauben in Afrika heimisch zu machen, indem man die kulturellen Werte der verschiedenen Stämme ernst nimmt.

Und so wird auch der schwarze Abiturient, bevor er sein Studium an der Universität beginnt, "nach Hause" in die Transkei fahren, um dort "den Ahnen vorgestellt" zu werden und die traditionellen Mannbarkeitsriten und die Beschneidung über sich ergehen lassen, bevor er er sich an das Studium der Nuklearphysik macht; wie ja auch der deutsche Abiturient sich meist nicht von Weihnachtsbaum, Konfirmation oder Erstkommunion vollkommen gelöst hat. Die traditionelle vor allem sakrale Kultur füllt so eine Lücke in der globalen Kultur und der tradtionelle Heiler ist bei Krankheiten ebenso gefragt wie das mit modernsten Instrumenten ausgestattete Zentralkrankenhaus.

Kultur und Globalisierung

Die durch die modernen Kommunikationsmittel begünstigte Globalisierung macht auch vor Afrika nicht Halt und bedroht dessen kulturelle Vielfalt. Aber wozu brauchen wir eigentlich Kultur? Unsere Kultur verleiht uns Identität, sie sagt uns, wer wir sind. Sie gibt uns Anweisungen zum richtigen Handeln. Dabei sind nicht alle kulturellen Praktiken positiv zu sehen. Es gibt kulturbedingte Praktiken, z.B. die Beschneidung von Frauen, die lebensfeindlich sind, und deshalb keine Unterstützung verdienen.

So wie ein Baum ohne Wurzeln nicht wachsen kann, so brauchen auch wir kulturelle Wurzeln, um unser Leben sinnvoll zu gestalten. Wenn aber selbst Europa sich von der amerikanischen Kulturhoheit bedroht fühlt und den ungeheuren Resourcen zur Produktion und Verbreitung dieser "globalen" Kultur nichts gleiches entgegensetzen kann, dann ist es nicht verwunderlich, daß die Länder Afrikas, und besonders Ostafrikas, der kulturellen Weltherrschaft kaum etwas entgegenzusetzen haben. Kulturen beginnen in den Schlaglöchern des Information High Ways und des globalen Informations- und Unterhaltungsnetzs zu verschwinden. Um dieser Verarmung vorzubeugen, müssen sich Afrikaner ihrer kulturellen Werte wieder neu bewusst werden und ihren lebensstiftenden Sinn erkennen. Ich denke hier vor allem an die afrikanische Kultur der Mitmenschlichkeit, "Ubuntu" die vor allem den Schwächeren der Gesellschaft einen gewissen Schutz verleiht.

P. Dr. Fritz Stenger, M.Afr., Nairobi